Trout Mask Replica: Captain Beefheart und Frank Zappa im kreativen Wahn

Captain Beefheart (bürgerlich Don Van Vliet) und Frank Zappa (bürgerlich Frank Zappa) sind seit der Schulzeit befreundet. Sie verbindet die Liebe für Rhythm & Blues, die andere Schulkameraden nicht teilen. Beefheart ist besonders von Howlin‘ Wolf angetan, dessen Gesangsstil er bis zu einem gewissen Punkt adaptiert, während Zappa Johnny „Guitar“ Watson präferiert. In den frühen 60ern, als Zappa sich ein Studio in Cucamonga, Kalifornien, einrichtet, nehmen die beiden erste Songs zusammen auf, die später noch auf diversen Kompilationen auftauchen werden.

Zappa und Beefheart: Jeder gründet seine eigene Band

Die Wege der beiden trennen sich Mitte der 60er vorerst. Zappa gründet die Mothers of Invention, mit denen er 1966 ihr erstes Album Freak Out!  aufnimmt. Sie erspielen sich schnell einen Ruf als Underground-Geheimtip, indem sie gängige Rock- und Szene-Klischees der 60er parodieren und ihre ohnehin skurrilen musikalischen Auswüchse mit derbem Humor und bissigem Sarkasmus anreichern. Die rebellische Haltung der Band steht anfangs mehr im Vordergrund als das musikalische Genie ihres Frontmanns. Ende der 60er etablieren sich die Mothers als amerikanischer Bürgerschreck und Anti-Musiker, was ihrem zweiten Album Absolutely Free von 1967 bereits eine Top-50-Platzierung in den amerikanischen Billboard Charts einbringt.

Captain Beefheart hat unterdessen einen schwierigeren Start als sein Freund FrankEr gründet The Magic Band und nimmt zwei Alben auf, die aber nicht den erhofften kommerziellen Erfolg einbringenDer Sänger fühlt sich desillusioniert in seinem Bestreben, in der Musikindustrie Fuß zu fassen und zugleich seinem künstlerischen Anspruch treu zu bleibenDarüber hinaus frustrieren ihn die ausbleibenden Bemühungen seiner Plattenfirma – seiner Meinung nach der Hauptgrund für den MisserfolgDabei zeigt sich Beefheart besonders beim ersten Album Safe As Milk (1967) mit Rhythm & Blues-lastigen Stücken so zugänglich wie danach nie wieder. In Hinblick auf seine späteren Werke wirkt dieser Erstling im Nachhinein wie eingängige PopmusikNichtsdestotrotz befindet er sich gleich zum Anfang seiner Musikkarriere auf einer Durststrecke.

Alte Freunde, neue Chancen

Zappa, der mittlerweile ein eigenes Label führt, erfährt von Beefhearts Situation. Er schlägt ihm vor, gemeinsam ein Album aufzunehmen, bei dem er selbst als Produzent mitwirken will. Er garantiert ihm darüber hinaus komplette künstlerische Freiheit in seinen kreativen Entscheidungen. Beefheart willigt ein, da er sich von seinem alten Label missverstanden fühlt und neue Wege sucht, um seine musikalische Vision kompromisslos auszuleben. Viele Alternativen bleiben ihm ohnehin nicht.

 

Auf Zappa‘s Soloalbum Hot Rats (1969) greift er im selben Jahr kurz zum Mikrofon: Willie the Pimp sticht mit Beefheart‘s unverkennbarer Reibeisenstimme herauswährend der Rest der Platte aus Instrumentalstücken besteht. Musikhistorisch betrachtet, entsteht hier eines der ersten Jazzrock-Alben. Beefheart erfährt erstmals größere Aufmerksamkeit – das Album knackt in Großbritannien sogar die Top 10.

 

Trout Mask Replica

Trout Mask Replica von Captain Beefheart & His Magic Band erscheint 1969 auf Zappas Label Straight Records. Das Album genießt bis heute absoluten Kultstatus: u. a. listet es der Rolling Stone auf Platz 60 der 500 Besten Alben Aller Zeiten. Zugleich gilt das Werk als unhörbar. Bei einer Spielzeit von 1 Stunde und 18 Minuten verlangt Beefheart selbst dem aufgeschlossensten Hörer mit einer Mischung aus Rhythm & Blues, Free Jazz, Avantgarde und etwas, was später vermutlich als Garage Rock bezeichnet werden würde, einiges ab. Der kakophonische Anteil der Musik überwiegt die melodiösen Parts bei weitem – gleichzeitig treffen die plötzlich aufkommenden Harmonien und kleinen Melodieschnippsel den Hörer so unerwartet heftig, dass man ihr Vorhandensein und ihre Schönheit in Anbetracht der vorherigen Dissonanzen umso mehr zu schätzen weiß. Beefheart und Zappa toben sich mit Polyrhythmiken und Atonaler Musik aus und werfen alle Zutaten in einen brodelnden Topf, ohne dabei ihre Wurzeln im Rhythm & Blues zu vergessen, die sie verbinden.

 

Auf den 28(!) Songs spielen traditionelle Songstrukturen mit Strophe, Bridge und Refrain darüber hinaus keine Rolle mehr. Vieles hört sich beim ersten Durchlauf (und danach vermutlich auch noch) so an, als würden drei verschiedene Stücke gleichzeitig abgespielt – in unterschiedlichen Tonarten, Rhythmen und Tempi. Beefhearts Texte pendeln zwischen komplettem Nonsens und geheimnisvoller, kryptischer Poesie. Dann verstört er mit Geschmacklosigkeiten wie auf dem Song Dachau Blues, wo er Zeilen singt, wie: „Dachau Blues, Dachau Blues, those poor Jews. Still cryin‘ about the burning back in world war two‘s“. Auf dem Albumcover ist ein Don Van Vliet mit Hut und Felljacke zu sehen, der sich den Kopf eines toten Karpfens vors Gesicht hält.


Chaotische Aufnahmen

Die Aufnahmen zum Album gestalten sich indes schwierig und stellen die Freundschaft von Zappa und Beefheart auf die Probe. Hier stehen sich zwei in ihrer Arbeitsweise und Lebensführung komplett gegensätzliche Charaktere gegenüber. Auf der einen Seite Frank Zappa, der durchorganisiert ist, nach Zeitplan arbeitet (auch, weil er weiß, dass Studiozeit bare Münze kostet) und selbiges auch von seinen Mitmusikern erwartet. Auf der anderen Zeit der chaotische Beefheart, der all seine Habseligkeiten stets in einer Tüte bei sich trägt und für sein neues Album vor allem eines will: experimentieren und Grenzen ausloten. Zappa ist soundtechnischen Spielereien dabei keinesfalls abgeneigt – allerdings ist er auch ein Perfektionist im Studio und will die bestmögliche Aufnahme abliefern. Deshalb ist er genervt von einigen seltsamen Wünschen Beefhearts , wie z. B. bei geschlossener Tür in ein Mikro zu singen, welches sich im Nebenzimmer befindet. Einmal ruft er Frank auf dem Telefon an und will, dass er seinen Gesang durch den Hörer aufnimmt. Das Resultat ist auf The Blimp zu hören.

 

Die Aufnahmen dauern insgesamt über ein Jahr und sind von Geldknappheit geprägt. Hinzu kommt die schwierige Arbeitsweise Beefhearts, der, so wie es Zappa ihm schließlich versprochen hat, alles in die eigene Hand nehmen will. Beefheart komponiert Songs wie aus dem Stegreif und ungewöhnlich schnell. Zugleich kann er Noten weder lesen noch schreiben und verfügt auch darüber hinaus über kein theoretisches Musikwissen – er spielt nicht einmal ein Instrument, oder weiß, in welcher Tonart er singt. Trotzdem besteht er darauf, die Parts für seine Band selbst zu „erdenken“ und sie ihnen dann vorzusummen. Danach wird so lange geprobt, bis der Song samt Arrangement auf gleiche Weise klingt, wie zuvor in seinem Kopf. Man kann sich ausmalen, wie lange es dauert, bis so ein Werk mit den zusätzlichen Sound-Tüfteleien obendrauf auf Tape gebannt ist. Nichtsdestotrotz: Das überwältigende Resultat eines musikalischen Dilettanten ist im Nachhinein umso verblüffender, wenn man um die Hintergründe weiß.

 

Der kommerzielle Erfolg bleibt aus

So eng wie bei Trout Mask Replica arbeiten Beefheart und Zappa nie wieder zusammen. Zu unterschiedlich sind die Charaktere und die musikalischen Visionen und Arbeitsweisen der beiden. 1975 nimmt der umtriebige Zappa Beefheart dann doch noch einmal mit auf Tour und produziert aus den Live-Aufnahmen das gemeinsame Album Bongo Fury.

 

Trout Mask Replica wird trotz des Mythos, der das Album umgibt und der von Kritikern attestierten hohen Qualität und Innovationskraft, nicht der große kommerzielle Wurf für Captain Beefheart. Auch die darauf folgenden Alben erreichen nur eine eingeschworene Gemeinde von Fans, die sich für eher abseitige Musik begeistert, die jenseits des Mainstream läuft – darunter auch sehr bekannte Namen wie Tom Waits, Sonic Youth, The White Stripes und einige mehr. Trotz seines Kultstatus in Szene-Kreisen wirft Captain Beefheart 1984 endgültig das Handtuch um beendet seine Musikkarriere, um fortan als Künstler zu arbeiten. Er stirbt 2010, ohne jemals wieder Musik aufgenommen zu haben oder aufgetreten zu sein.

 

Eine Sache bleibt gewiss: Mit Trout Mask Replica hat Captain Beefheart einen Meilenstein der modernen Musikgeschichte geschaffen, der bis heute zwar polarisiert und die Meinungen spaltet, aber sicher niemanden kaltlässt, der sich traut, sich dieses Werk zu Gemüte zu führen. Wie wärs?

 

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© RK, veröffentlicht am 04.03.2022

Bildquellen: 

1. © Yucca, yearbook of Antelope Valley High School, Lancaster, California

File:Frank Zappa HS Yearbook.jpg – Wikimedia Commons