The Doors: War Iggy Pop als Jim Morrison-Ersatz vorgesehen?

Am Morgen des 3. Juli 1971 wird Jim Morrison leblos in seiner Pariser Wohnung aufgefunden. Die Todesursache: Herzstillstand, ausgelöst durch bereits diagnostizierte Herzprobleme in Kombination mit exzessivem Alkoholkonsum. Die Musikwelt ist erschüttert und der sogenannte Club 27 erhält nach Jones, Hendrix und Joplin in kurzer Zeit sein viertes, prominentes Mitglied.

Knapp drei Monate zuvor erscheint mit L.A. Woman ein überraschendes Lebenszeichen von The Doors, deren Karriere man wegen der Eskapaden und instabilen Verfassung ihres Frontmanns schon für erledigt hält. Sie zeigen Mut zur Veränderung – ironischerweise in Form einer Rückbesinnung auf ihre Wurzeln im Blues. Die neue Richtung steht besonders der angeschlagenen, Whisky-getränkten Stimme von Morrison gut zu Gesicht. Mit Riders on the Storm liefern sie zudem einen Song, der als einer ihrer besten gilt und zum Klassiker avanciert.

Morrisons Tod ist ein gewaltiger Schock für die Band, die sich eigentlich wieder im kreativen Aufschwung befindet. Wie soll es jetzt weitergehen für Ray Manzarek (key), Robby Krieger (git) und John Densmore (dr)? Die verbliebenen Mitglieder treffen schnell eine Entscheidung, mit der keiner so wirklich rechnet: Es soll tatsächlich weitergehen. Ohne Jim.

Neuanfang ohne Frontmann

Wir spulen vor ins Jahr 1973. Nach zwei mehr oder weniger erfolgreichen Alben, die teilweise Instrumentalstücke, aber auch selbst eingesungene Songs enthalten, entscheiden sie sich, dass es nun doch Zeit für einen neuen Sänger ist. Doch wer soll die Nachfolge antreten für jemanden wie Morrison? Eine Rampensau, ein großartiger Sänger und ein Poet mit Hang zur Selbstzerstörung in einer Person. Ein perfektes, romantisiertes Bild des Frontmanns einer Rockband, welches noch heute die Fantasie beflügelt – von Bands, die lange danach kamen, als Ideal deklariert und für viele ein Sinnbild des zügellosen Rockstars der 60er Jahre. Das Unterfangen der verbliebenen Doors scheint schon zu Beginn zum Scheitern verurteilt.

In seiner Autobiografie schildert Robby Krieger ihre damaligen Gedanken folgendermaßen:

Nach einem Jahr des Tourens und Aufnehmens ohne Jim, entschieden wir, dass die fehlende Zutat ein Sänger war […]. Wir zogen alle zurück nach England und versuchten, jemanden zu finden, der als Frontmann für The Doors geeignet war. Wir wollten keinen 08/15-L.A.-Rocksänger. Wir wollten jemanden, der uns in eine neue Richtung führen und dem unvermeidlichen Vergleich mit Jim trotzen würde.“

Die Suche bleibt vorerst erfolglos. Dann kommt der Name Iggy Pop ins Spiel – eine Episode, die bis heute im Reich der Rock-Mythen umhergeistert und für Faszination sorgt.

Iggy‘s erster Kontakt mit The Doors

Iggy erlebt bereits 1967 einen skandalträchtigen Auftritt von The Doors in der University of Michigan. Der damals unbekannte 20-jährige ist von dem Chaos auf der Bühne und dem scheinbar unkontrollierten Auftreten des komplett zugedröhnten Morrison so sehr angetan, dass er seine eigene Bühnenpräsenz in den Folgejahren daran orientiert. Hier geschieht eine Art Initialzündung für das, was Iggy später berühmt-berüchtigt machen wird. 2011 sagt er dazu:

Ich dachte mir ‘Wow, das ist toll. Er (Morrison) pisst diese Leute wirklich an, schleicht um sie herum und provoziert sie bis aufs Blut. […] Hier ist dieser Typ, völlig außer sich und auf Acid, gekleidet in Leder, mit geölten lockigen Haaren.’“

Iggy Pop und Ray Manzarek machen gemeinsame Sache

1974, also drei Jahre nach Morrison‘s Tod, lernt Iggy schließlich Danny Sugerman in L.A. kennen. Dieser ist zu der Zeit Manager von Ray Manzarek, dem ehemaligen Keyboarder von The Doors. Er kennt Iggy und weiß um sein Talent, aber auch um sein kontroverses Image als Enfant terrible amerikanischer Bühnen, welches Jim Morrison sehr nahekommt.

Iggy ist zu dieser Zeit total abgebrannt, da sich seine Band The Stooges gerade aufgelöst hat. Er lebt quasi auf der Straße und weiß nicht so richtig, wohin mit sich. Danny Sugerman ergreift die Initiative und stellt ihn Ray Manzarek vor, der Iggy‘s Musik kennt und begeistert von ihm ist.

Die beiden fangen an, zusammen Musik zu machen. The Doors haben sich zu dieser Zeit bereits aufgelöst und Manzarek sucht selbst nach neuen Perspektiven und Möglichkeiten, auch ohne seine Ex-Band kreativ zu sein. Iggy scheint ihm da gerade recht zu kommen. Schnell ist eine Begleitband zusammengestellt. Der Sound erinnert stark an die jazzigen Ausflüge von The Doors in Songs wie Riders on the Storm. In einem Rolling Stone-Interview aus dieser Zeit bekundet Manzarek öffentlich seine Pläne, mit Iggy ein Album produzieren zu wollen.

Bei einem Auftritt im Whisky a Go Go, dem legendären Club in West Hollywood, spielt die Band neben ihrem normalen Set auch Coverversionen von den Doors-Hits Back Door Man (im Original von Howlin Wolf) und L.A. Woman. Spätestens hier befeuern die beiden Hauptakteure die wilden Gerüchte um Pläne einer Doors-Reunion mit Iggy als Sänger.

Das Ende der Zusammenarbeit

Die vielversprechende Zusammenarbeit von Ray Manzarek und Iggy Pop findet kurz darauf ein jähes Ende. Zu unberechenbar und schlichtweg unprofessionell ist Iggy zu dieser Zeit – selbst für den mit Eskapaden und Star-Allüren vertrauten Manzarek, der jahrelang mit Jim Morrison spielte. Zwar ist er von Iggy‘s Stimme, seinem Charisma und dem Talent, aus dem Stegreif Songtexte zu improvisieren, hellauf begeistert. Trotzdem sagt er:

Er war ein brillanter Sänger mit guten Manieren – nett und umgänglich. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem er ’den Iggy rausließ’.“

„Den Iggy rauslassen“. Sein böses Alter Ego übernimmt dabei das Steuer – und das ist sowohl privat als auch auf der Bühne oftmals einfach zu viel.

Iggy’s Karriere schadet das auf langer Sicht nicht, zur Verwunderung vieler – im Gegenteil. Die Pleitezeit geht noch ein wenig weiter, bis David Bowie ihn schließlich unter seine Fittiche nimmt und seine Solokarriere aus der Taufe hebt.

The Doors finden nach ihrer Trennung 1973 nicht mehr zusammen.

Iggy Pop und The Doors - Ist was dran am Mythos?

Mit einiger Gewissheit und basierend auf den Aussagen der Beteiligten lässt sich sagen, dass es nie konkrete Pläne gab, Iggy Pop als Ersatz für Jim Morrison anzuheuern. Sowohl Iggy, als auch die verbleibenden Mitglieder der Doors verneinen dies bis heute.

Robby Krieger kommentiert das Thema zuletzt 2021 mit einer Prise Gehässigkeit in seiner Autobiografie:

Jahrelang gab es Gerüchte darüber, dass Iggy Pop für Jim‘s Job vorgesehen war. Unser Freund und Berater Danny Sugerman trat mit dieser Idee an uns heran, aber wir sprachen oder trafen uns nie mit Iggy. Oder dachten auch nur ernsthaft darüber nach. Iggy‘s komplette Person wurde nach Jim modelliert, also wirkte es fast wie eine Beleidigung, ihn als Ersatz in Betracht zu ziehen.“

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© RK, veröffentlicht am 17.02.2022