Prince: Regisseur Kevin Smith’s bizarre Erlebnisse mit „His Royal Badness“

Kevin Smith redet im Jahr 2002 an der University of Wyoming über seine Erlebnisse mit Prince, eines seiner großen Idole. Der Clip kursiert seit einigen Jahren auf YouTube und sorgt auch aufgrund seines humoristischen Gehalts für Furore. Die Geschichte könnte nicht skurriler sein: Im Kanon der wahnwitzigen Anekdoten des genauso exzentrischen wie genialen Musikers sticht sie hervor – und das darf was heißen.

Eine Einladung nach Paisley Park

1999 erscheint der Film Dogma, bei dem Kevin Smith als Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Schauspieler in Erscheinung tritt. Die hochkarätig besetzte Komödie (Alan Rickman, Matt Damon, Salma Hayek und viele mehr) besticht mit scharfer Religionskritik und derben Pointen. Schnell avanciert er zum Kultfilm, spaltet aber auch die stark christlich-geprägten USA. Prince, der schon sein ganzes Leben lang religiös veranlagt ist, ist zu dieser Zeit bereits Zeuge Jehovas – und ein großer Fan des Films.

Smith erhält eines Tages einen Anruf aus Prince’ Büro und kann es kaum glauben: Sein Idol will mit ihm sprechen. Ein möglicher Grund fällt ihm dafür beim besten Willen nicht ein. Vielleicht ein Musical, bei dem er Regie führen soll. Er will die Gelegenheit nutzen, um seine Erlaubnis einzuholen, den Song The Most Beautiful Girl in the World in einem seiner kommenden Filme zu verwenden. So schlecht können die Chancen nicht stehen, wenn Prince persönlich mit ihm sprechen will.

Nach mehreren Anrufen seines Assistenten, der Smith mehrmals mit merkwürdig präzisen Zeitangaben vertröstet, zu denen Prince dann auch wirklich anrufen wolle (erst 20, dann 25, schließlich nochmal 19 Minuten), passiert es dann tatsächlich: Prince ist am Hörer.

Er beteuert Smith, dass er ein Fan von Dogma sei. Das Fluchen im Film möge er aber nicht, sagt er. Er sinniert über Dogma und vor allem über den religiösen Hintergrund. Smith ist verwirrt, da er hier gerade seinen eigenen Film erklärt bekommt und nur noch wenig davon wiedererkennt. Im Anschluss lädt Prince ihn ein, bei seinem berühmten Studio-Komplex und Wohnsitz Paisley Park vorbeizukommen, um eine Dokumentation zu drehen.

Smith ist skeptisch, da er kein Dokumentarfilmer ist. Außerdem will Prince den Fokus auf seine religiösen Botschaften legen, die er an die Fans vermitteln will. Er sagt trotzdem zu, weil er sein Idol nicht enttäuschen will.
Die beiden vereinbaren einen Termin für den Filmdreh und verabschieden sich.

Smith fällt ein, dass er vergessen hat, um Erlaubnis für den Song zu bitten. Er ruft nochmal an. Prince lehnt ab.

„Was tun wir hier eigentlich?“

Kevin Smith hat ein mulmiges Gefühl bei der ganzen Sache. Weder sieht er sich in der Lage, einen Dokumentarfilm zu drehen, noch versteht er, wovon der Film handeln soll. Angekommen in Paisley Park, lichtet sich der Nebel dann immer noch nicht.

Am ersten Drehtag wird er in einen Raum mit Bühne geleitet, vor der sich eine kleine Menge Fans versammelt. Prince erklärt ihm, dass er eine Listening-Party für sein neues Album abhalten und anschließend mit den Fans über Religion sprechen wolle. Smith solle das Ganze filmen.

Nachdem Prince sein Album vorgestellt hat, teilt er die Gruppe in Gläubige und Nicht-Gläubige auf. Er deutet auf die Gruppe der Nicht-Gläubigen auf der anderen Seite des Raums und sagt: „Wir können euch nun eure Frauen nehmen. Denn wir leben nach dem Gesetz Gottes“. Smith ist spätestens jetzt nicht mehr der einzige Anwesende, der verstört ist.

Prince lebt in seiner eigenen Welt

Prince’ mysteriöses Benehmen (auch ihm gegenüber) und seine Angewohnheit, in fragwürdigen Bibelzitaten zu reden, überfordern Smith zunehmend. Verwirrt und immer noch ratlos über seine Aufgabe bei diesem „Projekt“ wendet er sich in einer ruhigen Minute an Prince’ Managerin Stephanie. Er eröffnet ihr, dass er sich nicht in der Lage sehe, diesen Film mit ihm zu machen. Stephanie versteht sein Anliegen, bittet Smith aber, dies ihrem Boss selbst vorzubringen. „Wieso? Ist er ein Arschloch?“, fragt Smith. Stephanie erklärt:

Du musst verstehen: Prince begreift Dinge nicht so, wie wir es tun. Er lebt schon seit einiger Zeit in seiner eigenen Welt. Gelegentlich kommt er mit Aufträgen zu uns wie „Ich brauche jetzt ein Kamel. Geht los und holt es mir“. Er versteht nicht, warum es alleine schon physisch nicht möglich ist, um 3 Uhr morgens im verschneiten Minnesota auf die Schnelle ein Kamel aufzutreiben.“

Smith schluckt die bittere Pille und geht selbst zu Prince. Dieser akzeptiert seine „Kündigung“ schlichtweg nicht und redet ihm gut zu. Er glaube an ihn und Smith schaffe das schon. Das Projekt geht also weiter.

Eine turbulente Woche

Smith führt den Dreh bis zum Ende durch, auch wenn er immer noch nicht versteht, was er da für einen Film macht. Das Fass läuft schließlich über, als er den Verdacht schöpft, dass Prince ihn in seiner Abwesenheit mit Video- und Tonaufnahmen bei der Arbeit überwacht. 

Auch die Stimmung der „Teilnehmer“ gerät zunehmend ins Wanken. Bei einer der letzten Sessions liegt es an Smith, Prince’ aufgebrachte Fans zu beruhigen: Dieser lässt sie mehrere Stunden lang in einem erhitzen, engen Raum auf sich warten. Außerdem werden Vorwürfe laut, er bezeichne in einem Song die Weißen als Teufel, die die Musik der Schwarzen geklaut haben. Prince kommt schließlich doch noch aus seinem Büro, aus dem er das Geschehen die ganze Zeit über beobachtet hat und spricht mit ihnen, als sei nichts gewesen. Seine Präsenz ist dabei so einnehmend, dass der kurzzeitige Ärger schnell und gerne wieder vergessen ist. 

Nach Beendigung des letzten Drehtags ist Smith nervlich am Ende, will sich aber noch persönlich von Prince verabschieden. Seine Managerin teilt ihm daraufhin mit, dass Prince gerade im Studio sei. Er nehme Musik auf und wolle jetzt nicht gestört werden. Smith ist enttäuscht und wütend: Während des gesamten Projekts hat
Prince ihn mit allen Fragen im Dunkeln gelassen, ihn scheinbar sogar überwacht und will sich jetzt nicht einmal von ihm verabschieden, geschweige denn sich bedanken. Smith sagt danach:


Ich konnte es nicht glauben. Ich verbrachte eine Woche damit, diese Dokumentation zu schießen, für die ich nicht bezahlt wurde und für die ich keine Leidenschaft hatte. Es war nicht meine Geschichte. Und der Typ sagt nicht einmal ‚Danke, dass du dir die Zeit genommen hast‘. Das hätte mir schon gereicht, aber er tat es nicht. Und er hat in dieser ganzen Woche nicht einmal den verdammten Batdance gespielt.“

Das Filmmaterial wurde bis heute nie veröffentlicht. Wahrscheinlich befindet es sich, wie so vieles von Prince unveröffentlichtem Material, unter Verschluss in Paisley Park.

Hier Part 1 (von 3) des Vortrags auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=fujQy0zH3dc

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© RK, veröffentlicht am 04.03.2022