Die Hassliebe zwischen David Bowie und Marc Bolan (T. Rex)

Wer heute die Namen Bowie und Bolan in einem Kontext hört, denkt unmittelbar an Glam Rock – aber nicht unbedingt an eine enge persönliche Verbindung der beiden. Genauso wie ihr musikalisches Vermächtnis ist aber auch ihre Beziehung zueinander weitaus komplexer.

David Bowie und Marc Bolan werden beide 1947 geboren und starten ihre ersten musikalischen Gehversuche mit einer Mischung aus Folk und hippiesken Texten in der aufkommenden Künstlerszene Londons. Ebenfalls sind beide Ende der 60er eng mit dem Produzenten Tony Visconti befreundet, der als Entdecker und Förderer auftritt. Mit ihm nehmen sie einige ihrer bahnbrechenden Alben auf. Zu Beginn ihrer Laufbahn kämpfen sie aber erst einmal mit dem ausbleibenden Erfolg.

Der Durchbruch lässt auf sich warten

Da sie in den ersten Jahren ihrer Karrieren im gleichen Umfeld verkehren und vieles gemeinsam haben, freunden sich David und Marc schnell an. Sie teilen gemeinsame Interessen, aber auch ein gemeinsames Problem: Sowohl Bowie als auch Bolan mit seiner Band Tyrannosaurus Rex müssen lange auf den ersehnten Erfolg warten.

Beide haben bereits mehrere Alben aufgenommen, bevor die erste Chartplatzierung ins Haus fällt. Bowie macht mit Space Oddity den Anfang – ein kleiner Hit, der im Zuge der im Fernsehen übertragenen Mondlandung 1969 kurzzeitige Popularität einfährt. Marc Bolan ist darüber weniger erfreut und neidet seinem Freund den Erfolg.

Dies scheint im Nachhinein unbegründet, da Bowies neue Bekanntheit genauso schnell wieder verebbt. Diagnose: One-Hit-Wonder. Für ihn soll es an diesem Punkt noch einige Jahre dauern, bis der große Durchbruch ansteht.

Marc Bolan hat 1970 mit der Single Ride a White Swan dann endlich den langersehnten Radiohit, auf den er seit Jahren hinarbeitet. Der Erfolg kommt, der sperrige Name geht: „T. Rex“ klingt griffiger und vermeidet den Knoten in der Zunge. Die Radio-DJs danken es ihm mit viel Airplay.

Imagewechsel

Während Bowie vorerst wieder in der Versenkung verschwindet, geht es bei Bolan jetzt richtig los: T. Rex wird zum Massenphänomen und Marc zum ersten Pop-Idol der 70er in Großbritannien. Seine Musik, vorher noch unverstärkter Folk auf der Wandergitarre mit Texten über Elfen, Zwerge und Schlösser, verändert sich stark. Er entwickelt eine hochansteckende Mixtur aus 50er-Jahre-Boogie-Riffs, angelehnt an Chuck Berry, Eddie Cochran & Co, mit eingängigen Lyrics über die Liebe zu seinem Auto – Marc Bolan hat wohlgemerkt nie einen Führerschein besessen, geschweige denn ein Auto gefahren. Das macht aber alles nichts: Die Band spielt nun elektrisch und macht eine ähnliche Transformation wie Bob Dylan durch – aber mit sehr viel mehr Zuspruch vom geneigten Publikum. Das besteht jetzt überwiegend aus jungen Mädchen.

Auch Bolan‘s Image erfährt einen radikalen Wechsel: Er kleidet sich zunehmend feminin und kokett. Bei einem viel beachteten Auftritt in der Fernsehshow Top of the Pops tritt er mit Glitter auf den Wangen auf. Der Glam Rock ist geboren – und mit ihm das Bild des androgynen Rockstars.

Mit den bahnbrechenden Alben Electric Warrior (1971) und The Slider (1972) schreibt T. Rex Rockgeschichte und pflanzt sich mit Hits wie Bang a Gong (Get it on), Hot Love und Telegram Sam ins kollektive Bewusstsein der 70er ein.

Bowie zieht nach

Bowie freut sich über den Erfolg seines Freundes. Anders als die Underground-Presse, die T. Rex unverzüglich des Hochverrats beschuldigt und nichts mehr von Bolan wissen will, sieht Bowie die Transformation seines Freundes als Geniestreich an.

Gleichwohl läuft es bei ihm weniger gut in dieser Zeit. The Man Who Sold the World (1970) und Hunky Dory (1971) gelten heute als Meilensteine und werden zum Kanon der bahnbrechenden 70er-Werke des Ausnahmekünstlers gezählt. Zur Zeit der Veröffentlichung kann aber keiner so richtig was damit anfangen, auch wenn Hunky Dory zumindest bei den Kritikern Anklang findet. Auf einem Musik-Festival lässt Bowie seinem Frust freien Lauf. Er freut sich so sehr über den ungewohnten Zuspruch der Zuhörer, dass er sagt:

„Vielen Dank. Es ist schön, wertgeschätzt zu werden, für das, was man tut. Die letzten Jahre waren hart für mich.“

So langsam aber ändert sich seine Situation. Bowie beginnt einen Wandel, der sich von Album zu Album weiterzieht. 1973 erscheint das Konzeptalbum The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars. Bowie hat sich der Idee, sich stetig zu verändern und in immer neue Rollen zu schlüpfen, komplett verschrieben und treibt es hier auf die Spitze. Das Album wird in England ein Riesenhit. Auch in den USA gibt es gute Chartplatzierungen, was zu dieser Zeit ungewöhnlich für einen britischen Act ist – ein Ziel, das auch T. Rex bisher nicht erreichen konnten. Bowie ist jetzt ein Star. Und somit wird es schwieriger zwischen den beiden.

Bolan teilt Seitenhiebe aus

David Bowie spielt vor ausverkauften Hallen und steht mittlerweile wie kein Zweiter für ausgefallenen, innovativen Rock, dem es trotz avantgardistischen Anstrichs nicht an Hit-Singles fehlt. Kritiker und Fans überschlagen sich vor Lob für den Mann, der im stetigen kreativen Wandel steht.

Bolan hat zu diesem Zeitpunkt (1973) den Zenit seines Erfolgs bereits überschritten – auch wenn er es selbst nicht wahrhaben will. Seine Paranoia, welche zum Teil seinem Kokainproblem geschuldet ist, trägt dazu bei, dass er seinem Freund David den Erfolg neidet. Er glaubt, er müsse nun nachziehen und den Erfolg von Ziggy Stardust überbieten. Das nächste T. Rex-Album trägt den Namen Zinc Alloy and the Hidden Riders of Tomorrow – was er damit erreichen will, scheint offensichtlich.

Dem losen Konzeptalbum fehlt es an Tiefe und allgemein an den Stärken, die Ziggy Stardust so besonders machen. Bolan‘s eigene Stärken rücken auch nicht so sehr ins Scheinwerferlicht, wie auf den Alben zuvor. Der Versuch, Bowie zu überbieten, indem er seine Ideen kopiert, scheitert. Die Situation spitzt sich zu, als Bolan in einem Interview über seinen Freund spottet:

„Ich sehe David nicht einmal annähernd in einer Größenordnung, in der ich ihn als Konkurrenz betrachten würde. David hat nicht das Charisma und die Eier wie ich. Er wird’s nicht schaffen – in keiner Weise.“

Bolan‘s Erfolg schwindet, während David sich künstlerisch weiterentwickelt und in die USA zieht, um dort neuen Input zu bekommen. Auch er leidet mittlerweile an einer Kokainsucht und ist die nächsten Jahre mit sich und seiner Karriere beschäftigt. Die Wege der beiden trennen sich hier vorerst.

Wiedersehen in 1977

Die nächsten vier Jahre sind nicht einfach für Marc Bolan. Nach dem Riesenerfolg Anfang der 70er durchläuft er zur Mitte des Jahrzehnts hin eine lange Durststrecke. Zu allem Übel hat er sich von seinem Produzenten und Freund Tony Visconti getrennt, der maßgeblich zur Qualität der Alben Electric Warrior und The Slider beigetragen und den Sound von T. Rex mitgeprägt hat. Man denke an den vollen Klang der Streicher, der Songs wie Hot Love so facettenreich und außergewöhnlich macht – ein Markenzeichen Visconti‘s zu dieser Schaffenszeit.

T. Rex hangeln sich von Album zu Album, ohne dabei höhere Chartplatzierungen zu erreichen oder an die Qualität ihrer früheren Werke anzuschließen. Dandy in the Underwold ist 1977 dann zwar auch kein großer Hit, stellt jedoch eine Rückkehr zu Bolan‘s Stärken dar. Von denen besitzt er als stilprägender Sänger und Songwriter zweifellos viele. Mittlerweile beziehen sich neue, angesagte Bands aus dem Punk und New Wave auf T. Rex als Einfluss und zollen dem Meister ihren Respekt. Die Zeichen stehen günstig für eine Rückkehr zu alten Erfolgen.

Das letzte Wiedersehen zwischen Bolan und Bowie, der mittlerweile überwiegend in Berlin residiert, findet 1977 in Bolan‘s eigener Fernsehshow „Marc“ statt. Dort spielen sie gemeinsam Bowie‘s neuen Hit Heroes, der damals noch keiner ist und teilen sich zum ersten Mal seit langem die Bühne.

Trotz kleinerer Sticheleien während der Aufnahmen (überwiegend vonseiten Bowie‘s und seiner Entourage – vielleicht die Rache für die Lästereien der letzten Jahre?) verstehen sie sich am Ende doch wieder gut und gehen nach der Aufzeichnung gemeinsam Essen. In ihrem letzten Gespräch schmieden sie Pläne für die Zukunft – Bolan schlägt vor, gemeinsam Musik zu schreiben und aufzunehmen.

Marc Bolan stirbt

Nur einige Tage später, in den Morgenstunden des 16. Septembers 1977, verliert Bolan‘s Frau Gloria Jones die Kontrolle über den gemeinsamen Wagen und kommt von der Straße ab. Sie prallen in voller Fahrt gegen einen Baum, der Beifahrer Marc Bolan ist sofort tot – zwei Wochen vor seinem 30. Geburtstag.

Seine Frau Jones überlebt den Unfall glücklicherweise. Zu ihrem Unglück aber hat Bolan das Testament nicht angepasst, sodass sie und ihr kleiner Sohn vor dem finanziellen Ruin stehen. Bowie springt ein, um die Familie zu unterstützen – er war damals Taufpate des Jungen und sieht sich jetzt in der Pflicht. Marc‘s Sohn Rolan Bolan sagt später dazu:

„David’s Großzügigkeit half meiner Mutter und mir zu überleben.“

Bowie ist bei Bolan‘s Beerdigung zugegen. Sichtlich angeschlagen vergießt er Tränen am Grab seines alten Freundes. Zuvor gerät er noch mit aufdringlichen Fans einander, die die Privatsphäre der Angehörigen stören.

Bowie und Bolan - Rivalen und Freunde

Marc Bolan’s spätere Probleme mit Bowie’s Erfolg sind ausreichend belegt. Der Produzent Tony Visconti, der zeitweise sogar mit den beiden zusammenwohnt, sagt dazu:

„David sah Marc nie so sehr als Rivalen, wie es umgekehrt der Fall war.“

Trotzdem hält die Freundschaft der beiden auch während der kritischen Jahre stand. Bemerkenswert sind Bowie’s Anspielungen auf Bolan in einigen seiner Songs. So ahmt er auf Black Country Rock das starke Vibrato in Bolans Stimme nach und führt es ins Absurde – mehr eine freundschaftliche Persiflage als ein ernstgemeinter Seitenhieb. Auch in seinem Song All the Young Dudes, den er Mott the Hoople überlässt, ist eine Zeile T. Rex gewidmet. Bowie sagt später über seinen Freund:

„Ich vermisse ihn wirklich. Er war brillant.“

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© RK, veröffentlicht am 17.02.2022